Der Roman Abidshamil Nurpeissows nimmt die Tragödie des Aralsees zum Anlaß, über das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt zu sprechen, über Verantwortung und Schuld. Zwei Freunde aus Jugendtagen, Jadiger und Azim verlieben sich in die selbe Frau. Während Azim Bakizat verläßt und Karriere als Wissenschaftler macht, verzweifelt Jadiger am Verschwinden des Sees. Er beginnt, gegen den Fortschrittsglauben der Oberen zu rebellieren. Sein Widersacher ist ausgerechnet der aalglatte Azim, der zudem ein Verhältnis mit seiner alten Liebe, Jadigers Frau Bakizat beginnt. Die Dorfbewohner drängen Jadiger seine Ehre wiederherzustellen. Doch für Jadiger ist dieser Kampf längst ein Kampf um die Existenz seines Volkes geworden. In einer stürmischen Winternacht kommt es auf dem Eis des Aralsees zum Showdown.

Abdishamil Nurpeissow wurde 1924 in einer kasachischen Fischerfamilie am Aralsee geboren. Als Achtzehnjähriger wurde er zur Roten Armee eingezogen und kämpfte bei Stalingrad und im baltischen Raum. Nach seiner Demobilisierung 1947 begann er an dem Roman »Kurland« zu arbeiten, der auf seinen eigenen Erlebnissen als Soldat beruht. Für diesen Roman erhielt Nurpeissow einen Literaturpreis der kasachischen Sowjetrepublik. Nurpeissow studierte dann am Literaturinstitut in Moskau. In seiner Trilogie unter dem deutschen Titel »Blut und Schweiß« (Aufbau 1971–74) schreibt er über die Konflikte zwischen armen und reichen Kasachen in der Zeitspanne vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Weißen Armee.

»Der sterbende See« sollte im renommierten Literaturjournal »Druschba Narodow« erscheinen, die Zensur verhinderte dies. Durch eine List des kasachischen Verlegers gelang es, 1984 den Text als Appendix in einer Neuauflage von »Blut und Schweiß« herauszubringen, ohne das dies auf dem Titel vermerkt wurde (deutsche Ausgabe Aufbau 1988, in Lizenz bei Bertelsmann). In den folgenden Jahren überarbeitet und ergänzt er den Roman um einen zweiten Teil, schärft ihn zu einer Abrechnung mit dem 20. Jahrhundert. 2005 erscheint die Ausgabe, der unsere Übersetzung zugrundeliegt.