Die dunkle Seite der Nacht

In einer Stadt mit reicher Vergangenheit spielen sich die kleineren und größeren Alltagsturbulenzen einer Metropole ab
– ein wilder Stier, der die Menschen zertrampelt, wenn sie ihn erzürnen. Die Protagonistin Gülnaz, aufgrund unglücklicher Lebensumstände zur Prostituierten geworden, stemmt sich gegen das wilde Tier. Sie versucht, die Männer zu bezwingen, die sich an ihr vergehen, ermordet sie gar. Gülnaz wird damit zur Projektionsfläche für erlittenes Unrecht. Ihre Verbrechen bleiben ungesühnt, sie kommt und geht wie ein Gespenst. Mit jedem Mord gewinnt Gülnaz an Kraft. Sie mordet, um den Makel von ihr und der Stadt abzuwaschen, der in den 80er Jahren, in den Putschzeiten, auf ihr sich anhäufte.

Nahezu unbemerkt vermischen sich in Episoden die Ebenen der Realität und des Fantastischen zu einem expressionistischen Roman. Das Monstrum Stadt, das als reißender Stier über Istanbul thront, erinnert das unfassbare Grauen der gothic novel.

Die Erzählungen sind nicht linear aufgebaut. Unvermittelt wird die Handlung unterbrochen, um sich dem Bewusstseinsstrom zu überlassen, der assoziationsreich das Vorangegangene in andere Richtungen weiterverfolgt. Das Rätselhafte des modernen Lebens löst sich nicht kontinuierlich auf sondern erst auf Umwegen. Vieles bleibt ambivalent, z.B. die selbstentfremdete und sich selbst entfremdende Jagd nach dem Glück. Gülnaz ist auf der Suche nach ihrer Identität. Die Abgründe des Lebens schimmern durch das Textgewebe hindurch. Die geschürzten Knoten muss der Leser selbst lösen.

Nalan Barbarosoglus Sprache zeugt von großer Vorstellungskraft. Sie verwendet häufig Metaphern, spielt mit dem Symbolgehalt mancher Wörter. Sie hat eine Vorliebe für anschauliche, teils lautmalerische Ausdrücke, für Vergleiche – vor allem an Stellen, in denen das Setting beschrieben wird. Oft verwendet sie Metaphern, die Naturerscheinungen plastisch vor Augen führen. Sie sind Begleitmusik zum Geschehen – teilweise wortwörtlich, denn angesprochen wird insbesondere der Hörsinn des Menschen. Ihre Sprache ist Musik, der Soundtrack von Schreckensszenarien. Die Geschichten sind sprachlich komplex. Lange, ineinander geschobene Sätze beschreiben die Untaten und wechseln zu kurzen, stakkatoartigen, die das Unheil ankündigen. Sie liebt Aneinanderreihungen und Wiederholungen, die sie künstlerisch geschickt einsetzt. Das Groteske, Imaginäre wechselt zum Poetischen, Klaren. Sie entwirft Stimmungsbilder, sie berichtet, beschreibt oft bis ins Detail, betrachtet mit den Augen eines Philosophen die Welt – doch diese Welt ist zumeist sprachlos.