von Bienen und Gespenstern

Lichtes Blau, das Summen der Bienen, der Gesang des Windes in den Blättern, Istanbul und Hilde. Was wie ein Sommermärchen beginnt, gerät dem introvertierten Musikstudenten Hamit während des Militärputsches zu einer Erkundung zwischen Traum und Alptraum. Hamit studiert in München Neue Musik. Im Frühjahr 1960 geht er mit seiner Freundin Hilde nach Istanbul. Dort soll er seinem Bruder helfen, der auf dem Gelände eines alten osmanischen Landschlosses eine Imkerei betreibt und den Auftrag bekommen hat, das Honiggeschäft, das die Familie seit jeher betreibt, landesweit zu modernisieren und zu organisieren. Hamit, im Gegensatz zu seinem Bruder kein gläubiger Mann, erfährt, dass das Landschloss der Sommersitz des letzten Kalifen Abdul Mecid Efendi war – ein Maler und musischer Mensch. Doch die Muslime der Gegenwart, die im Umkreis des Hauses leben, sind alles andere als musisch. Sie sind bigott und mißtrauisch. Hilde leidet an ihrer Vergangenheit als Flüchtlingskind, verlässt das Land. Hamit ist allein in dem alten Pavillon. In dem leeren Haus erscheint ihm der mumifizierte Leichnam des letzten Kalifen. Währenddessen muss sich der Gärtner des Landschlosses vor den Sicherheitskräften in einem verlassenen Kloster außerhalb der Stadt verstecken. Schweigen, Verdrängung und zwanghafter Fortschrittsglaube prägen das Milieu der 1950er Jahre, in denen eine deutsch-türkische Liebe am Nichtsprechenkönnen scheitert.

Das Buch ist eine Auseinandersetzung mit einer problematischen Modernisierungsgeschichte, die viele heute wieder aktuelle Fragen aufgeworfen hat: nach Glauben und Zugehörigkeit, Verhältnis zur Geschichte, Nationalgefühl. Spürbar wird eine Sehnsucht nach Spiritualität, die jedoch von einer formalisierten, ritualisierten Religion nicht mehr aufgefangen wird. Die kulturelle Verwahrlosung auf der einen Seite, die bruchstückhafte Erinnerung an die Tradition auf der anderen schaffen eine angespannte Atmosphäre.

Senocak bedient sich unterschiedlicher Sprachebenen und verbindet eine dokumentarische Erzählweise mit einer poetischen und philosophischen Sprache. Dabei erzählt er eine spannende, ungewöhnliche Geschichte, die die Leser bis zum Schluß fesselt.