Glitzer, Moder, Tränengas

Städte werden zu den Orten, die sie sind, durch die Menschen, die in ihnen wohnen und ihnen einen unverwechselbaren Charakter geben. Jale Sancak begibt sich auf die Suche nach diesen Menschen. Sie befragt die Leute auf der Straße, trifft sich mit lokalen Größen, Architekten und Bauingenieuren, Straßenhändlern und den Originalen von 17 Istanbuler Stadtvierteln. Sie streift durch die engen Gassen, die von den Gestrandeten, Illegalen, Ausgestoßenen und Verarmten bewohnt werden. Sie flaniert über die Glitzermeilen der Boomtown Istanbul. Sie sucht nach den Spuren der Vergangenheit, den Kiezmythen und Legenden und beobachtet den Wandel der pulsierenden Großstadt. Mit leichter Hand und ein wenig melancholisch zaubert sie Skizzen voller Leben und historischen Details.

Vay lele, vay lele… Das verzehrende Klagelied einer Frau mit heiserer Stimme dringt auf die Gasse... Dilan, alleine im Zimmer, das nach Moder riecht, Dilan, im Spiegel eine Fremde, trübsinnig am Fenster, Dilan, eines dieser Mädchen, die nach Mardin riechen und vor den Haustüren hocken. Nach so vielen Jahren inmitten ihres Zentrums ist die Stadt noch immer fern, Dilan immer noch in Dargeçit.

Tarlabaşı... Senegaldunkle, schnelle Schwarze, die aus der steilen Sakızağacı-Straße scheren... Eine lang schon arbeitslose, traurige alte Tunte, allzeit bereit, Wegauskünfte zu erteilen... Gedankenverloren ein Junge mit einem Taschenmesser in der Hand... Die Klebstoffschnüfflerpartie, die Paria, die die Nacht bewohnt... die Anderen also. Der Holzdrechsler schnitzt seine Stimmwirbel für die langen Hälse der Oud, sie gleichen sich auf den Millimeter. Ein Meister seiner Zunft. Er ist nicht von hier, er kommt aus Cide, wie auch immer, er ist jedenfalls keiner von den Anderen. Sein Geld verdient er brav, Haus, Heim, Familie, alles da, alles paletti. Sein Laden liegt im Untergeschoß eines Gebäudes, das früher ein Hotel gewesen war. Einst hatten es Franzosen geführt, dann war es von Griechen übernommen worden. Der Wirbelschnitzer hat sie längst begriffen, die ungeschriebenen Gesetze dieser Stadt, er weiß, wie es hier läuft. Von den Franzosen und den Griechen ist nichts geblieben. Jetzt haben Banden alles in der Hand. Überall wird mitgeschnitten.

Auf der Türschwelle liegt eine gelbe Katze.
Der letzte Mord war in der Nacht zuvor geschehen.

Die Doppeltreppe, die mit geschnitzten Handläufen in der Mitte der hohen Vorhalle nach oben führt, ist zweihundert Jahre alt, sie hat die Geräusche aller Schritte in sich aufgesogen. Die meisten Scheiben in den Doppelflügelfenstern der weitläufigen Zimmer sind zerbrochen, das Blattgold in der Deckenverzierung hat sich wer weiß wann abgelöst, die Rosen sind verwelkt, in den Blättern steht der Herbst. In einem der Zimmer mit ihren da und dort herausgerissenen Bodendielen zig flugunfähige Tauben, in einem anderen plattenweise Haschisch, ein bisschen Angel Dust, Pistolen, Piken, Rasierklingen. Polizisten haben das Schloss an der Eisentür aufgebrochen und sind in die verlassene Wohnung eingedrungen. Tarlabaşı, Angel Dust und gefangene Tauben.

Langsam stieg Dilan zur Vorhalle hinunter, hielt kurz inne in dem Laut... Dilan, im Inneren einer gezogenen Waffe. Vay lele, vay! Der junge Afrikaner, der sie vor den Reifen eines Lieferwagens gerettet hatte, ihn gab es nicht mehr. Ihr Vater hatte diese Selbstlosigkeit nicht im Mindesten gewürdigt, hatte gesagt: „Der Krug geht so lange zum Wasser, bis er bricht“. Derselbe Spruch nach jedem Mord. Ihr Vater, ein Gebrauchtwarenhändler ein paar Straßen weiter, ein Mann, der nach Altem roch, nach Nussholz-Kanapees mit herausgesprungenen Federn, uralten Spiegeltischen und modrigen Truhen. Er duldete keinen Widerspruch, und leider lag sein Laden wie eben auch der des fettmiefenden Pideverkäufers mit seiner immer gleichen, schmutzigen Schürze in der Zerdali. Meryemce wollte Pide haben. Und sie würde sich ja wohl von einer bettlägerigen Frau nicht lange bitten lassen! Jetzt hatte aber ihr Vater gesagt: »Ich brech’ dir die Beine, treib dich ja nicht auf der Straße herum«, nach diesem letzten Mord.