50 Jahre türkische Arbeitsmigration sind ein Anlass für Sonntagsreden oder alarmistische Prognosen. Oder für eine Feldforschung zu 50 Jahren Hoffnung und Enttäuschung, Anpassung und Abgrenzung, Nationalismus und Transnationalität. Kenan Mortan und Monelle Sarfati haben im Zeitraum von 2009 – 2011 in vier deutschen Städten türkischstämmige Arbeiter, Künstler, Politiker, Unternehmer, Schulabbrecher, Hausfrauen und Rentner nach ihren Erfahrungen und Einschätzungen befragt. Eingebettet in einen kurzen Abriss der historischen und ökonomischen Bedingungen der Arbeitsmigration vermitteln die Ergebnisse ein dem medialen Mainstream entgegengesetztes Bild: Ein Großteil der Befragten begreift sich als »Deutschländer« mit einer hybriden Identität, die sich als integrale Bestandteile der deutschen Gesellschaft sehen. Ausgrenzung und Selbstabschottung verlaufen nicht nach ethnischen, sondern sozialen Kriterien. Die sogenannte Integrationsdebatte entpuppt sich als Teil der gewünschten Seggregation bestimmter Bevölkerungsgruppen.

Die Studie von Kenan Mortan & Monelle Sarfati besticht durch Detailreichtum, die Unterschiedlichkeit der vorgestellten Charaktere und Schicksale und Schlussfolgerungen, die weder beschönigen noch verteufeln, sondern nach Perspektiven der »Deutschländer« fragt. Dabei werden im positiven wie negativen die praktischen Fortschritte der derzeitigen Integrationspolitik in Deutschland und ihrer Auswirkung auf die Gesamtgesellschaft einer kritischen Betrachtung unterzogen. Der interessierte Leser erfährt zudem anhand vorgestellter Vereine und Institutionen – von Gülen-Schulen bis zu DİTİB – etwas über kaum öffentlich thematisierte Organisationsformen migrantischen Lebens in Deutschland.

Monelle Sarfati lehrte auf Zypern Öffentliches Recht und lebt heute in Istanbul. Kenan Mortan lehrt Wirtschaftswissenschaft an der Mimar Sinan Universität Istanbul und arbeitet als Sachbuchautor.