Ein Lied vom Dersim

1938 wird eine junge Frau von den Nachbarn aus dem Dorf gejagt. Ihr Mann, ein einflussreicher Stammesführer, war als Freischärler von den Regierungssoldaten getötet worden. Die Dorfbewohner fürchten weitere Vergeltungsaktionen. Mit ihrer fünfjährigen Tochter an der Hand macht sich die Frau auf einen beschwerlichen Weg. Hunger und Kälte wüten in den Dörfern, die Männer werden zum Kriegsdienst eingezogen oder verstecken sich in den Bergen. Die Gedanken der Rebellen kreisen um Ehre, Rache und Blut, während die Kinder und Frauen ums nackte Überleben kämpfen. Die Mutter sucht eigentlich nur einen ruhigen Platz für sich und ihr kleines Mädchen. Doch die neue säkulare Macht bestimmt sie, entgegen den archaischen Sitten, zur Erbin über die  Ländereien ihres getöteten Mannes und legt das Schicksal der Dorfbewohner in ihre Hände. Nun gerät sie in einen erbarmungslosen Kampf der Familien um Land und Einfluss. Und mittendrin ein kleines Mädchen und eine seltsame Puppe, die wie ein Nachtfalter aussieht …

10 Jahre saß Haydar Karataş (geb. 1973) als politischer Aktivist im Gefängnis, davon ein halbes Jahr in Isolationshaft, bevor er in die Schweiz emigrierte. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit schreibt er als Kolumnist für die kritische Tageszeitung »Bir Gün«, deren Chefredakteur zu 21 Monaten Haft wegen eines Artikels über die korrupte Erdoğan-Familie verurteilt wurde und die durch Strafzahlungen in den Ruin getrieben werden soll.

Die türkische Kritik lobt seinen 2010 erschienenen Roman »Nachtfalter« wegen seiner erzählerischen Wucht und stellt ihn in eine Reihe mit Yaşar Kemal, Tschingis Aitmatow, John Steinbeck und Doris Lessing. Haydar Karataş erzählt die große Tragödie von Dersim, als der Nationalstaat die Autonomie des Berggebietes in Blut erstickte, ganz und gar unheldisch – aus der Perspektive eines kleinen Mädchens. Der Autor, der der Minderheit der Zaza angehört, schrieb seinen Roman in der Haft. Da seine ersten Aufzeichnungen konfisziert wurden und seine zweiten während eines Erdbebens, das er während der Haftzeit erlebte, verloren gingen, rekonstruierte er während eines Besuches seiner Mutter in der Schweiz den Roman, der auf den Erlebnissen seiner Mutter und Großmutter beruhte.